Kirchenkreis und Diakonie mit Bürgern und Experten im Gespräch:
Es ist genug für alle da

Diskutierten über Wege aus der Armut: (v. l.) Ulrike Gebelein (Diakonie Deutschland), Sigrid Beer (MdL, Bündnis 90/Die Grünen), Moderator Dr. Remi Stork (Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe), Daniel Sieveke (MdL, CDU) und Dr. Benjamin Benz (Ev. Fachhochschule Bochum). FOTO: EKP/HEIDE WELSLAU

Diskutierten über Wege aus der Armut: (v. l.) Ulrike Gebelein (Diakonie Deutschland), Sigrid Beer (MdL, Bündnis 90/Die Grünen), Moderator Dr. Remi Stork (Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe), Daniel Sieveke (MdL, CDU) und Dr. Benjamin Benz (Ev. Fachhochschule Bochum). FOTO: EKP/HEIDE WELSLAU

PADERBORN/KREIS HÖXTER (ekp/wels). „Es ist genug für alle da“ war das Motto einer sozialpolitischen Veranstaltung zum Thema Armut im Historischen Rathaus Paderborn. Dazu luden die Diakonie Paderborn-Höxter e.V. und der Evangelische Kirchenkreis gemeinsam mit der Regionalstelle Paderborn des Evangelischen Erwachsenenbildungswerks Westfalen und Lippe e.V. ein. Anlass war das 175-jährige Bestehen des Kirchenkreises Paderborn. Dass auch im Raum Paderborn Menschen von Armut betroffen sind, zeigen unter anderem die aktuellen Angaben des statistischen Landesamts: Etwa jeder sechste Einwohner NRWs, 16,2 Prozent (2013: 16,0 %), lebte im Jahr 2014 in einem armutsgefährdeten Haushalt. In den Kreisen Paderborn und Höxter stieg der Anteil am stärksten: von 12,9 auf 16,1 Prozent. Auch im Kreis Paderborn hat sich jetzt ein Runder Tisch Armut gebildet. In der Stadt gibt es diesen bereits seit 2008.

70 Bürgerinnen und Bürger, darunter Mitarbeitende der Wohlfahrtsverbände sowie Vertreter aus Ökumene und Politik, nahmen an der Veranstaltung teil. Als Einstimmung gab Superintendentin Anke Schröder einen theologischen Impuls: „Jesus sagt: Selig sind die, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ (Mt 5,6). (…) Als Kirche und Diakonie arbeiten wir daran, dass die Güter gerechter verteilt werden, dass alle satt werden. (…) Die Verantwortung für gerechtere Verhältnisse einzutreten, haben wir alle, die wir in gesicherten Verhältnissen leben“, appellierte Schröder. Dass Kindertageseinrichtungen und Familienzentren gute Möglichkeiten für konkrete Hilfen und Vernetzung bieten, wurde im weiteren Verlauf des Abends deutlich. Ebenso, dass es eine Aufgabe für Kirchengemeinden ist, Einkommensschwache nicht nur durch Mittagstische, Schulmaterial- oder Kleiderkammern zu unterstützen, sondern sie in das Gemeindeleben zu integrieren.

Die Teilnehmer beschäftigten sich zunächst an ihren Tischen mit Fragen wie „Wie kann es gelingen, die gesellschaftliche Solidarität mit Menschen in Armutslagen zu erhöhen – gerade auch bei Menschen, die selbst nicht besonders privilegiert sind?“ Angesichts steigender Flüchtlingszahlen in den Kommunen stelle sich diese Frage gerade besonders. Die Antworten aus dem Publikum wie „steuerliche Erleichterungen für Einkommensschwache“, „aufklären über geringe Höhe der Hartz-IV-Sätze “ und „Betroffene einbeziehen und fragen“ sammelte Moderator Dr. Remi Stork von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. (RWL) und wandte sich dann ans Podium. Wie sie selbst Armut definieren und abwenden wollen, beantworteten hier Sigrid Beer, MdL (Bündnis 90/Die Grünen), Daniel Sieveke, MdL (CDU), Ulrike Gebelein, Diakonie Deutschland, und Prof. Dr. Benjamin Benz, Ev. Fachhochschule RWL, Bochum. Von „Bildungsarmut“ und „Ausbau des sozialen Arbeitsmarkts als Investition in die Menschenwürde“ (Beer), über „weg von Armut – hin zu Teilhabe“ und „Standards und Ansprüche hinterfragen“ (Sieveke), „relativer Armut“ und „Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen“ (Gebelein) bis zu „Armut ist eine Verkümmerung von Lebensmöglichkeiten“ (Benz) reichten die Antworten. Auch die EU-Definition von Armut wurde zitiert: Armutsgefährdet ist, wer nach Einbeziehung staatlicher Transferleistungen ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung des Landes zur Verfügung hat.

Mit dem Begriff „Hilfe unter Protest“ machte Dr. Benz deutlich, dass es beim Einsatz gegen Armut nicht an erster Stelle um materielle Hilfe geht. Notwendig seien eine Veränderung struktureller Rahmenbedingungen und sozialpolitische Unterstützung. So wie es den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gebe, könne es auch ein Recht auf öffentliche Beschäftigung geben. Besonderer Handlungsbedarf wird gesehen bei den familienpolitischen Leistungen – Alleinerziehende sind besonders von Armut betroffen -, bei der Rentenversicherung, „Wir rechnen mit erhöhter Altersarmut“ (Benz), und im „Wohnungsbau für alle“ (Beer). Dass das auch von Sieveke und Gebelein begrüßte Städtebau-Förderungsprogramm des Bundes “Soziale Stadt – Investitionen im Quartier“ allein nicht ausreiche, sagte abschließend Jutta Vormberg, Vorstand der Diakonie Paderborn-Höxter e.V.: „Es gibt noch viel zu tun!“

 

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