Auf ein Wort
„Du siehst mich!“

von Pfarrerin Sabine Sarpe

Pfarrerin Sabine Sarpe

Pfarrerin Sabine Sarpe

Du siehst mich! – so lautet das Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin, der Ende des Monats für vier Tage wieder über 100.000 Menschen zusammenbringen wird. Sie kommen in großen Bussen aus Kirchengemeinden angereist, sind allein unterwegs oder kommen nur für bestimmte Veranstaltungen. Sicher ist, dass sie selbst in einer großen Stadt wie Berlin nicht übersehen werden mit ihren Kirchentags-Schals, Musikinstrumenten und vor allen Dingen mit ihrer fröhlichen Stimmung, die sie aus den vielen Veranstaltungen weiter tragen in U-Bahnen, Straßencafés und Innenstädte.

Dieses Jahr wird das Reformationsjubiläum ganz besonders im Mittelpunkt stehen. Martin Luthers Frage vor 500 Jahren lautete: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Er hatte bis dahin eigentlich nur Angst vor einem zornigen und strafenden Gott. Bis er im Brief des Paulus an die Römer ein befreiende Entdeckung in der Bibel machte. Dort stand, dass wir vor Gott (ge)recht sind, ohne etwas dafür tun zu können. Alles ist schon in Christus geschehen. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich am Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus. Wer das versteht und glaubt, ist seinen Weg der Gerechtigkeit mitgegangen und kann ihn auch nachgehen. Martin Luther hat erfahren: Gott sieht mich mit Liebe an, er ist kein strafender oder zorniger Gott, der Freude an meinem Versagen hat – im Gegenteil.

Du, Gott, siehst mich! Das ist auch die Erkenntnis von Hagar im 1. Buch Mose. Ihr ist Unrecht widerfahren. Sie flüchtete in die Wüste vor ihrer Herrin Sarai. Aber Gott begegnete Hagar in ihrer Not. Sprach sie an und eröffnete ihr und ihrem ungeborenen Kind eine Zukunft.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“. Wie wunderbar ist dieser Gott, auf den wir uns in jüdisch-christlicher Tradition berufen. Einer, dem das Schicksal des Einzelnen nicht egal ist. Der jedem eine Perspektive und eine Zukunft eröffnen will, dem Unrecht geschieht.

Viele Menschen engagieren sich in der Flüchtlingshilfe aus genau diesem Grund. Weil der Blick dieses Gottes unsere „Leitkultur“ ist. Ein Blick, der das Einzelschicksal geflüchteter Menschen würdigt und nicht nach den großen Erfolgszahlen in punkto Abschiebung schielt. Manchmal setzen Kirchengemeinden daher das Kirchenasyl ein, um die zu schützen, die Hilfe und Perspektive brauchen. Gott, du bist ein Gott, der mich sieht!

Sabine Sarpe ist Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Stephanus-Kirchengemeinde Borchen.

Ihr Beitrag ist in der Kolumne „Auf ein Wort“ in der Neuen Westfälischen Paderborn am 12. Mai veröffentlicht.

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